Der vibrierende Draht

Unser aller Leben wird geprägt von Resonanz. Wir bewegen uns konstant in unterschiedlichsten Resonanzräumen. Ob auf der Arbeit, in der Familie, im Internet: Sie senden Signale auf allen Kanälen. Resonanz ist das, was uns alle miteinander verbindet. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt Resonanz wie ein vibrierender Draht. Hört der Draht auf zu vibrieren, geht der Kontakt verloren.

Wir erleben diese Situationen Sekunde für Sekunde im Netz. Jedes soziale Netzwerk basiert auf dem Resonanzbegriff. Ich poste etwas, damit ich eine Resonanz bekomme. In der Wissenschaft spricht man von einem zeittypischen Drang zur medialen Sichtbarkeit. Martin Altmeyer hat es treffend formuliert mit: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Die Menschheit habe eine Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet.

“Resonance is being in flow state but with another person.” – Shreyas Hariharan

Wir dürfen dies auch gern als Grundprinzip unserer Demokratie sehen. Denn sie ist ein Resonanzversprechen. Demokratie funktioniert dann, wenn ein Resonanzverhältnis geschaffen wird. Man fragt – und bekommt eine Antwort. Dies lässt sich x-beliebig übertragen: auf Gespräche zwischen Chef und Angestellten, zwischen Käufer und Verkäufer, zwischen Trainer und Sportler.

Der Soziologe Hartmut Rosa sieht diesen Resonanzdraht derzeit durchgeschnitten. Wer nicht gehört, gesehen, gemeint oder adressiert wird, fordert dieses Bedürfnis ein. Aus der Psychologie kennen wir die Bedürfnispyramide nach Maslow. Die Resonanz wiederum ist ein Querschnitt – und zutiefst menschlich. In der Gewaltforschung ist eine logische Konsequenz, wenn man keine Antwort bekommt: Ich fordere sie mir ein – und schlage zu. Ähnlich ist das bei der Hassrede im Internet: Ich schlage zu – verbal. Damit ist das Bedürfnis nach Resonanz zwar nicht befriedigt, aber es gibt zumindest eine Reaktion. So könnte man auch so manchen AfD-Wähler erklären. Er war auf der Suche nach einfachen Antworten, hat aber keine oder nur komplexe bekommen.

Diese Erkenntnisse münden in einer von Dr. Thorsten Klein entwickelten Theorie der affektiven Resonanz. Demzufolge stellt der vibrierende Draht die Verbindung zwischen Subjekt und Welt her. Am Beispiel von Social Media: zwischen Produzent und Konsument, also demjenigen, der postet, und demjenigen, der liest. Die Reaktion auf einen Post erfolgt in der Regel auf der emotionalen Ebene, also aus dem Affekt heraus. Affekt und Emotion bilden dann den Draht – und sie lassen ihn vibrieren.

Diese Theorie der affektiven Resonanz darf als Ergänzung der Theorie der kognitiven Dissonanz angesehen werden. Das bedeutet: Erst schirmt sich der Nutzer kognitiv von anderen Meinungen ab, dann reagiert er emotional, also affektiv in der Erwartung einer Resonanz. Anders formuliert: Ich lese nur das, was mich in meiner Meinung bestätigt. Und sobald ich bestätigt werde, verkünde ich dies lauthals: „Siehst Du, ich hatte Recht!“

Da die sozialen Netzwerke von Algorithmen gesteuert werden und diese dann reagieren, wenn ein Post möglich häufig geklickt oder kommentiert wird, liegt es in der Natur der Sache, dass der Verfasser eines Posts genau dieser Theorie der affektiven Resonanz folgt: Je emotionaler der Post, umso stärker die Handlung aus dem Affekt.

Diese Erkenntnis, dass wir alle in einem Resonanzraum leben, können wir uns zu eigen machen. Unser Gesprächspartner erwartet eine Antwort auf seine Frage – und sei sie noch so flach oder nervtötend. Umgekehrt erwarten wir auch Antworten auf unsere Fragen.

Gleichzeitig können wir den Draht zu unserem Gesprächspartner am Vibrieren halten, wenn wir ihm eine ehrliche Rückmeldung geben: Loben Sie mehr. Und üben Sie konstruktive Kritik.

 „Das größte Kommunikationsproblem ist, dass wir nicht zuhören, um zu verstehen. Wir hören zu, um zu antworten.“ – unbekannt 

Wir haben für Sie auch mal in andere Disziplinen geschaut, um das Leben in Resonanzräumen einfacher zu gestalten. Wir haben Tipps zur Gesprächsführung in der der Gesundheitsberatung (OARS-Method) gefunden:

O Stellen Sie offene Fragen. Dadurch ermöglichen Sie sich einen leichteren Gesprächsfluss und Austausch. Indem sie offene Fragen stellen, regen Sie Ihren Gegenüber auch zum Sich öffnen an. Sie können Einblick in deren Wahrnehmung, Gefühle und Gedanken erhalten und damit selbst Handlungen und Verhalten besser verstehen und nachvollziehen. Sie erhöhen die Chance für sich, bedeutungsvolle und durchdachte Antworten zu erhalten und weniger Trotzreaktionen. Vermeiden Sie allerdings „Warum“-Fragen. Diese können schnell vorwurfsvoll ankommen und Fehler suggerieren. Sie wollen aber ein wertfreies Gespräch führen.  (open questions)

A Äußern Sie sich wertschätzend bei Ihrem Gegenüber und bestätigen Sie ihn, in dem was gut funktioniert oder lief. Ein einfaches „Respekt!“ oder „Wow“ kann bei Ihrem Gesprächspartner Wunder bewirken. Zeigen Sie Ihre Wertschätzung offen und ehrlich und schenken Sie positive Aufmerksamkeit für die Stärken und Leistungen Ihres Gegenübers. (affirmations)

R Hören Sie aktiv und reflektiert zu. Spiegeln Sie das Gehörte und signalisieren Sie verbal und nonverbal Interesse am Gesagten. Halten Sie Blickkontakt. Sie können das Gesagte gern wiederholen, indem Sie es paraphrasieren oder kurz und sinngemäß umschreiben. Stellen Sie auch Nach- oder Rückfragen. So zeigen Sie, dass Sie aufmerksam bei der Sache sind und versuchen, zu verstehen. Indem Sie die Gefühle Ihres Gesprächspartners spiegeln und sein emotionales Erleben ansprechen, zeigen Sie sich empathisch und verständnisvoll. Dies stärkt Ihre Beziehungsebene zueinander. (reflective listening)

S Fassen Sie das Gehörte zusammen. Wählen Sie die wichtigsten Aussagen aus Ihrem Gespräch aus und verknüpfen Sie die Punkte miteinander. So können Sie für sich ein Fazit bilden und Ihrem Gegenüber noch einmal darlegen, dass Sie versuchen, das Gesagte nachzuvollziehen. Dadurch erhält Ihr Gesprächspartner noch einmal die Möglichkeit, nachzuhören, und sicher zu gehen, ob alles so angekommen ist, wie es auch gemeint war. (summaries)

 

Verbessern Sie Ihr Miteinander. Stärken Sie Ihre Beziehungsebene und steigern Sie so Ihre Chance auf positive und konstruktive Lösungen auf der Sachebene. Schaffen Sie sich ein besseres Bild von anderen und lassen Sie andere ein besseres Bild von Ihnen erhalten. Sorgen Sie für ausreichend Resonanz in Ihrem Umfeld und dafür, dass der Draht am Vibrieren bleibt.

Hier finden Sie das Whitepaper zum kostenlosen PDF-Download: „Resonanzräume“

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